Masse und Macht Blog
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Geschrieben von: Christian von Borries   
Sonntag, 29. Juni 2008 um 00:00

 Von China lernen



Der Westen hält bei seiner Kulturkritik nach einem Paradies der Authentizität Ausschau, aus dem ihn Mächte wie Markt, Abstraktion und Historismus vertrieben haben und das er deshalb, wie er insgeheim weiß, niemals wieder betreten kann. Wenn dagegen Chinesen über Kultur reden, sind sie von solchen Vorstellungen weit entfernt: Sie streben keine "Reinheit" an. Dass China heute alle Kulturen der Welt und alle seine eigenen Vergangenheiten zur Begutachtung und Auswahl zur Verfügung stehen, wird gerade als ein Vorteil der gegenwärtigen historischen Situation betrachtet. „Ohne traditionelle Belastungen und Verbote sind wir frei, alles Gute zu sammeln, und sind genauso bereit, alles, was wir nicht wollen, rauszuwerfen, gleich ob es sich um importierte oder um eigene Dinge handelt“, schreibt China Daily. Bei einer McKinsey-Untersuchung äußerten 88 Prozent der befragten Teenager, dass sie chinesischen Marken vertrauten; nur 65 Prozent sagten das gleiche von westlichen Marken. Tatsächlich teilt das traditionelle chinesische Denken einige entscheidende Voraussetzungen mit dem traditionellen westlichen Denken nicht, wie es sich aus griechischer Philosophie, Christentum und Aufklärung herleitet. Es stellt keine Wahrheitssuche in den Mittelpunkt seiner Überlegungen, es kennt keine unveränderlichen Substanzen, und es hatte es auch nie nötig, eine Vorstellung wie die der „Seele“ zu dekonstruieren, weil die ihm noch nie plausibel, geschweige denn evident vorgekommen war; statt dessen dreht sich dieses Denken immer schon um Veränderung und Bewegung, die ihm als die zentralen Bedingungen des Lebens erscheinen. Schon als im barocken Europa à la chinoise Mode war, fand China nichts dabei, massenweise Porzellanwaren mit griechischen Motiven für den westlichen Markt herzustellen. Die „Kultur ohne Zentrum“, die der amerikanische Philosoph Richard Rorty für fortgeschritten demokratische Gesellschaften des Westens diagnostizierte, hat China schon lange.